Die Macht der Zeit

Die Kongresshalle Nürnberg ist ein Bauwerk, das bis heute als Symbol der totalitären Macht des Nationalsozialismus wahrgenommen wird. Jedes Mal, wenn ich vor diesem Gebäude stehe, denke ich über Geschichte und über den Menschen nach.

Ich bin Koreaner und lebe seit etwa sechzehn Jahren in Deutschland. Deutschland war für mich zunächst ein Land mit einer anderen Sprache, einer anderen Kultur und einem anderen Erscheinungsbild. Heute empfinde ich dieses Land als vertraut. Deshalb vergleiche ich oft Deutschland und Korea und frage mich, worin ihre Unterschiede liegen.

Dabei bin ich auf die Wörter „Schuld“ und „Entschuldigung“ aufmerksam geworden. Ich glaube nicht, dass sich diese Begriffe vollständig ins Koreanische übersetzen lassen. Sprache trägt immer auch die Geschichte und das Menschenbild einer Gesellschaft in sich.

Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Frage, was ein Individuum eigentlich ist. Ein Individuum ist für mich nicht einfach ein einzelner Mensch. Es ist ein Mensch, der Freiheit besitzt und Verantwortung übernehmen kann. Ein Mensch, der für sein Handeln einsteht und zugleich andere Menschen als gleichwertige Personen anerkennt.

Die Entwicklung der westlichen Zivilisation steht meiner Ansicht nach in engem Zusammenhang mit dem Entstehen dieses neuen Menschenbildes. Deutschland befindet sich historisch im Zentrum dieser Entwicklung. Dass Deutschland nach der Erfahrung des Nationalsozialismus den Weg zurück zu einer demokratischen Gesellschaft finden konnte, hängt für mich auch mit diesem Verständnis des Individuums zusammen.

Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes beginnt mit den Worten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Alle staatliche Gewalt ist verpflichtet, sie zu achten und zu schützen. Dieser Satz bildet bis heute das Fundament der deutschen Demokratie.

Das Wort „Entschuldigung“ bedeutet für mich deshalb mehr als eine bloße sprachliche Geste. Es verweist auf die Fähigkeit des Menschen, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Freiheit und Verantwortung gehören untrennbar zusammen.

Heute möchte ich jedoch noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Nicht weit von hier, auf der anderen Seite der geteilten koreanischen Halbinsel, leben Menschen bis heute unter einer brutalen Diktatur. Politische Gefangenenlager sind dort keine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern Realität der Gegenwart. Viele Menschen leben dort ohne Freiheit und ohne Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Auch in anderen Teilen der Welt werden Menschen aufgrund politischer, religiöser oder gesellschaftlicher Verhältnisse unterdrückt.

Ich wünsche mir, dass wir diese Menschen nicht vergessen. Denn die Würde des Menschen ist kein nationales, sondern ein universelles Prinzip.

Während meiner Beschäftigung mit der Kongresshalle habe ich erfahren, dass dieses Gebäude ursprünglich eine Höhe von 70 Metern erreichen sollte. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt. Das Gebäude blieb bei etwa 40 Metern Höhe unvollendet.

Diese Unvollendetheit erscheint mir heute als ein starkes Symbol. Der totalitäre Anspruch, Geschichte und Gesellschaft dauerhaft beherrschen zu können, blieb unvollendet. Heute sprechen wir in diesem Raum nicht mehr über Macht und Unterwerfung, sondern über Kunst, Erinnerung und Freiheit.

Meine Arbeiten entstehen aus recycelten Getränkekartons. Dieses Material trägt die Spuren von Konsum, Produktion und Alltag in sich. Durch seine Transformation in Skulpturen richte ich meinen Blick auf die materialisierte Wirklichkeit unserer Gegenwart.

Wir leben in einer Zeit, in der materielle Werte häufig zum Maßstab menschlicher Existenz geworden sind. Erfolg, Status und Anerkennung werden oft über Besitz, Leistung und Vergleich definiert. Doch ich frage mich, ob der Mensch wirklich auf materielle Prozesse reduziert werden kann.

Wenn menschliche Gefühle lediglich materielle Phänomene wären, könnten wir die Gefühle anderer Menschen nicht nachempfinden. Die Fähigkeit zur Empathie zeigt jedoch, dass der Mensch mehr ist als ein materielles Wesen. Wir können Freude, Leid, Hoffnung und Angst anderer Menschen teilen. Gerade dadurch erkennen wir einander als gleichwertige Personen an.

Deshalb ist das Individuum für mich kein kalter oder isolierter Begriff. Ein Individuum ist ein Mensch, der fähig ist, andere Menschen wahrzunehmen, mit ihnen mitzufühlen und Verantwortung für sie zu übernehmen.

An diesem Ort möchte ich deshalb die Frage stellen, ob Materialismus nicht selbst zu einer Form von Herrschaft werden kann. Menschen und ganze Gruppen geraten in einen endlosen Wettbewerb, um sich selbst zu beweisen. Um ein Gefühl von Überlegenheit zu gewinnen, werden andere abgewertet, ausgegrenzt oder sogar schikaniert. Die eigene Identität wird nicht mehr aus der gemeinsamen Menschlichkeit gewonnen, sondern aus dem Vergleich mit anderen.

Ich sehe darin eine Weise, wie die Ideologie des Materialismus auf Menschen wirkt. Sie lenkt den Blick auf Konkurrenz statt auf Mitgefühl, auf Überlegenheit statt auf Würde, auf Besitz statt auf Menschlichkeit.

Mit meinen Arbeiten möchte ich deshalb nicht nur Objekte schaffen. Ich möchte Fragen stellen: Wie wollen wir miteinander leben? Was macht den Menschen aus? Und wie können wir die Würde des Einzelnen bewahren, ohne den Blick für die anderen zu verlieren?

Vielleicht liegt die Antwort nicht in dem, was wir besitzen, sondern in unserer Fähigkeit, die Freiheit, die Würde und die Verletzlichkeit anderer Menschen als etwas Eigenes zu erkennen.

Spartacus (Louvre-Projekt N°2), 2021–2022

Kunst ist Teil der Menschheitsgeschichte – ihre Werke sind sichtbare Fragmente von Ideologien und Ausdruck menschlicher Erfahrung. Der Louvre als Ort kultureller Autorität vereint unzählige Zeugnisse dieser Geschichte, darunter auch die Skulptur Spartacus, die heute digitalisiert existiert.

In seiner Arbeit parodiert Park das Original, indem er digital vervielfältigte Daten mit verbrauchten Getränkekartons kombiniert. Diesen Prozess nennt er „digitale Parodie“ – eine Strategie, die ein Simulakrum erzeugt und die Idee von Originalität neu verhandelt.

Er untersucht damit in einer digitalen Welt die Bedeutung des „Originals“ und spiegelt über das Material die Strukturen einer globalen Konsumgesellschaft wider – ein Abbild des heutigen Menschen.

Die Figur des Sklaven und Gladiators Spartakus, der sich vor über 2.000 Jahren gegen die Macht erhob, wurde im 19. Jahrhundert von Denis Foyatier in Marmor verewigt. Sie steht bis heute als Symbol des Widerstands gegen Ungerechtigkeit.

Die aus recycelten Getränkekartons geschaffene Skulptur richtet den Blick auf das Wesentliche – auf das, was jenseits des Materiellen für das menschliche Leben wirklich Bedeutung hat – und spiegelt zugleich ein Fragment unserer Gegenwart.